In einem interdisziplinären Team innovativ lernen und Lösungen für Probleme der realen Welt finden: Dies ist das Ziel der ETH-Woche, einer Veranstaltung, die kritisches Denken und Kreativität fördern soll. Thema der Pilotwoche 2015 war «The Story of Food» – eine Erfolgsgeschichte.

Innovatives Lernkonzept: «Wie kann ich im Team besser sein als allein?» war eine der zentralen Fragen der ETH-Woche. (Bild: Alessandro Della Bella / ETH Zürich)

Wie in einer Fernsehshow erklärte der Forscher im weissen Kittel der Reporterin, dass Vitamin-D-Mangel viele Menschen gefährdet – auch die ahnungslose alte Dame, die als Vertreterin der Hauptbetroffenen ebenfalls interviewt wurde. Die Lösung des Problems: eine Informationskampagne samt neuer Messtechnik auf öffentlichen Toiletten und Gratis-Tests in Apotheken. Mit seiner humorvoll inszenierten Präsentation von «D Aware» erntete das Team von Studierenden der ETH Zürich einen herzlichen Applaus und einen Preis für das in wirtschaftlicher Hinsicht überzeugendste Projekt der ETH-Woche «The Story of Food».

Zwölf Gruppen mit insgesamt knapp 130 Studierenden präsentierten im September 2015 nach einer intensiven Arbeitswoche mit viel Enthusiasmus ihre Konzepte zur Lösung von drängenden Problemen rund um das Thema Ernährung. «Sie durften dazu alle möglichen Mittel verwenden, nur keine Power-Point-Vorlagen», erklärt Christine Bratrich, die Geschäftsführerin von ETH Sustainability der ETH Zürich, und betont: «Es ging nicht darum, eine perfekte Lösung zu präsentieren; denn in einer Woche lässt sich die Welt nicht verbessern.» Ziel war vielmehr, im Team eine eigene Fragestellung zu erarbeiten, selbstständig zu recherchieren und Verantwortung zu übernehmen. «Der Prozess war wichtiger als das Produkt», fasst die Organisatorin der ersten ETH-Woche zusammen.

Das neue Lernformat ist Teil einer Initiative, welche die ETH-Schulleitung unter dem Titel «Critical Thinking» lanciert hat, um die Studierenden besser für ihre künftigen Aufgaben zu wappnen. Viele Abgängerinnen und Abgänger der ETH Zürich besetzen später Führungspositionen. «Da sind Leute gefragt, die über den Tellerrand hinausblicken und verantwortungsvoll handeln», so Christine Bratrich. «Doch dazu braucht es die Fähigkeit, zu analysieren, zu reflektieren und sich selbst zu hinterfragen.» Untersuchungen zeigen jedoch, dass Studienabgängerinnen und -abgänger in den fachlichen Bereichen zwar ausgezeichnet qualifiziert sind, aber Defizite bei der fächerübergreifenden Vernetzung sowie bei den sozialen und kommunikativen Kompetenzen aufweisen.

Rüstzeug für komplexe Themen

«Unsere Studierenden sind hervorragend, wenn es darum geht, morgens ein Buch zu lesen und abends zu verstehen, was drin steht», meint Christine Bratrich. «Auf die fachlichen Höchstnoten sind wir natürlich sehr stolz. Doch beim selbstständigen Gestalten oder dem Zusammenarbeiten mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Disziplinen sollten wir den Studierenden mehr Freiräume und Rüstzeug mitgeben.» Denn komplexe Themen wie Klimawandel, Energieversorgung oder Städteplanung könne man nicht nur naturwissenschaftlich oder ingenieurtechnisch angehen. «Da gibt es soziale, politische oder wirtschaftliche Komponenten, die man ebenso berücksichtigen muss.»

Kritisches und kreatives Denken, Unternehmertum und Teamgeist sind denn auch zentrale Punkte, welche die Schulleitung der ETH Zürich mit ihrer «Critical Thinking»-Initiative stärken will. Die interdisziplinäre und interkulturelle Zusammenarbeit der Studierenden soll zudem das gemeinsame Engagement für die ETH Zürich fördern und zu einer grösseren Verbundenheit mit der Hochschule führen. Eines der Ziele sei es, das «Wir-Gefühl» einer dynamischen Hoch schule zu stärken, sagt Christine Bratrich. Dies demonstrierte auch der persönliche Einsatz der Rektorin und des Präsidenten während der ETH-Woche, den die Studierenden überaus schätzen. Wichtig sei der Schulleitung aber auch die Betonung der gesellschaftlich relevanten Themen und der zentralen Nachhaltigkeitsfragen. Dazu bot «The Story of Food» reichlich Gelegenheit.

Prof. Sarah Springman, Rektorin der ETH Zürich (rechts), im Gespräch mit Christine Bratrich, Geschäftsführerin von ETH Sustainability. (Bild: Alessandro Della Bella / ETH Zürich)

Die Organisatoren teilten die Bachelor- und Masterstudierenden aus 15 Departementen und 27 Ländern in möglichst bunt gemischte Gruppen auf. Ein Team mit elf Teilnehmenden aus zehn verschiedenen Nationen wäre beinahe an der ersten Hürde gescheitert. Bei der Wahl eines Namens für ihre Gruppe mussten die Mitglieder zuallererst lernen, wie man gemeinsam Entscheide trifft. Deshalb nannten sie sich schliesslich «Team Democracy».

«Wie kann ich im Team besser sein als allein?» Dies sei die zentrale Frage gewesen, so Christine Bratrich. Und tatsächlich nannten die Teilnehmenden «erfolgreiche Teamarbeit» als wichtigste Erfahrung der ETH-Woche. In weniger als zwei Tagen seien elf individuelle Personen mit unterschiedlichem Hintergrund zu einer Gruppe zusammengewachsen, in der die Arbeit Spass gemacht habe, lautete ein Kommentar. «Sich an ein solch multikulturelles und multidisziplinäres Umfeld anzupassen und einen Konsens zu finden trotz so vieler Meinungsverschiedenheiten bei manchen Themen» – so das Highlight eines anderen Teilnehmers.

«Obwohl man bestimmte Schlüsse selbst ziehen kann, ist es ab und zu gut, zu hören, was die anderen über die Sache denken. Man wird höchstwahrscheinlich immer feststellen, dass man einen bestimmten Gesichtspunkt ausser Acht gelassen hat», schrieb ein Student. Christine Bratrich freute sich besonders über die gezielten, klaren Fragen zweier Bachelor-Studentinnen, die damit einen Masterstudenten vom Typ «Ich weiss, wie die Welt funktioniert» auf faire Art herausforderten. Die Studentinnen gaben an, sich nun auch im «normalen» Unterricht vermehrt zu Wort zu melden, weil sie erkannt hätten, wie wichtig das sei.

Eine breit abgestützte Vision

Auf einer Mensabaustelle des ETH-Campus Hönggerberg hatten die Verantwortlichen eigens einen Raum geschaffen, der Platz für Vorträge und Gruppenarbeit bot, wo man aber auch essen oder sich zwanglos unterhalten konnte. «Es war ein cooler Raum – auch im wahrsten Sinne des Wortes», erinnert sich Christine Bratrich. Denn aus Versehen waren kurz vor Beginn der ETH-Woche die Fenster entfernt worden – eine kleine Panne im sonst reibungslosen Ablauf der Veranstaltung, deren Vorbereitung Monate in Anspruch genommen hatte. «Es gab viele Leute, die unsere Vision mitgetragen haben», sagt die Organisatorin, «angefangen vom Schreiner, der mit alten Paletten einen Loungebereich schuf, über die ETH-Rektorin, die jeden Tag vorbeischaute, bis zum ETH-Präsidenten, der die ETH-Woche von Anfang an unterstützte und auch mit den Studierenden Fussball spielte.» Sport und Abendveranstaltungen gehörten zum Rahmenprogramm des Kurses – ein Angebot, das die Studierenden rege nutzten.

In Vorträgen, bei Exkursionen und Diskussionen vermittelten Expertinnen und Experten den Teilnehmenden ein breites Wissen über das Thema Welternährung. Was die Studierenden damit machen wollten, blieb ihnen selbst überlassen. «Es gab keine vorgegebene Fragestellung», erklärt Christine Bratrich den zent-ralen Punkt des innovativen Lernkonzepts. «Die Gruppen mussten sich ihre Aufgabe selbst stellen und dann eine Lösung erarbeiten.» Einzig vier Themenkomplexe hatten die Organisatoren vorgegeben: Nachhaltige Produktion, Lebensmittelabfälle und -verluste, Gesunde Ernährung für Mensch und Umwelt sowie Futter- und Lebensmittelimporte in die Schweiz.

«Ein Problem zu finden, für das sich jedes Gruppenmitglied interessierte, war ziemlich anspruchsvoll», hielt ein Teilnehmer fest, während ein anderer notierte: «Eine Entscheidung zu treffen, wenn jeder möchte, dass seine Idee ausgewählt wird, ist besonders hart.» Doch sich «eine eigene Lösung für ein eigenes Problem» zu erarbeiten, machte den Teams schliesslich besonders Spass. So war es für die Jury, bestehend aus je zwei Vertretern der Wirtschaft und Wissenschaft sowie zwei Vorstandsmitgliedern des VSETH (Verband der Studierenden an der ETH Zürich), die nicht an der ETH-Woche teilnahmen, keineswegs einfach, Preise für die überzeugendste Fragestellung und Präsentation des Lösungsansatzes zu verteilen.

Bier aus Brotabfällen

Die Vertreterinnen des VSETH entschieden sich für einen Vorschlag, bei dem aus Brotabfällen Bier gebraut wird. Inspirieren liess sich das Team für das Projekt «Brobi» von einem russischen Rezept und einer der Exkursionen, die zur Äss-Bar führte – Läden, die Brot und Backwaren vom Vortag günstig verkaufen, um so die Lebensmittelverschwendung zu vermindern. Ein anderer Lösungsansatz dieses Problems heisst «Dumpy», ein Anhänger für Zürcher Trams, in den Pendlerinnen und Pendler ihre Bioabfälle morgens auf dem Weg zur Arbeit hineinwerfen könnten. Die Erfinder von Dumpy wurden von den Teilnehmenden der ETH-Woche via App für ihre besonders kreative Präsentation ausgezeichnet.

Am Ende der ersten ETH-Woche fiel die Bilanz von Studierenden, Experten und Organisatoren durchwegs positiv aus. «Aus der Sicht eines Teilnehmers war es eine grossartige Erfahrung», kommentierte ein Student. «Der Austausch, die Entwicklung und das Prototyping von Ideen mit so vielen verschiedenen Leuten war sehr spannend, da dies in meinem normalen Studium kaum geschieht.» Kritisches Denken führe dazu, dass man seine Komfortzone verlassen müsse, schrieb eine Studentin: «Es zwingt dich, zu überdenken, was du als sicher angenommen hast, man macht sich ein grösseres Bild und überlegt sich machbare Lösungen.» Die Woche sei anstrengend gewesen, habe sich aber gelohnt.

«Es war schön zu sehen, wie kritisch die Studierenden diskutierten», sagt Christine Bratrich, auch wenn sie zugibt, dass man die angestrebten Fähigkeiten kaum in einer Woche lernen könne. «Wir wollen aber zumindest Impulse geben – und es hat Spass gemacht.» So steht denn auch bereits der Termin für die nächste ETH-Woche fest: 11. bis 16. September 2016.