Mai 2011

Nationalrätin Sylvia Flückiger-Bäni fordert in einer Motion (10.3124) Massnahmen gegen die Dezimierung des Wirtschaftswaldes, die unter anderem durch die Schaffung von Waldreservaten verursacht werde. Die Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) präsentiert dazu einige Fakten.

Foto: Esther Ramseier, ETH Zürich

Der Bund strebt gemäss der «Ziele der Schweizerischen Reservatspolitik » an, bis 2030 rund 10 Prozent der Waldfläche als Waldreservate vertraglich unter Schutz zu stellen. Die eine Hälfte soll als Naturwaldreservate ohne Eingriffe und die andere Hälfte als Sonderwaldreservate mit gezielten Pflegeeingriffen deklariert werden. Das Reservatsziel von 10 Prozent ist Gegenstand einer Motion von Nationalrätin Sylvia Flückiger-Bäni (10.3124). Forschungsresultate der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) können in diesem Zusammenhang zur Klärung der Faktenlage beitragen.

Derzeit sind rund 3,5 Prozent der Schweizer Waldfläche als Waldreservate geschützt. Deren genaue Lage ist noch nicht landesweit dokumentiert. Daher orientiert sich die landesweite Waldinventur, das Landesforstinventar (LFI), zur flächenmässigen Bestimmung der Bewirtschaftungsziele an den Waldfunktionen: Im Rahmen des LFI wurden die Revierförster gefragt, welche Waldfunktion im Konfliktfall für die Art der Eingriffe massgebend ist (Vorrangfunktion). Wie die Antworten zeigen, dienen heute 7 Prozent der gesamten Waldfläche vorrangig – aber nicht ausschliesslich – dem Naturschutz. Dies sind die Naturschutzwälder nach LFI. Sie erreichen im Jura einen Anteil von 10 Prozent des gesamten Waldes, im Mittelland 8 Prozent, in den Voralpen 8 Prozent, in den Alpen 6 Prozent und auf der Alpensüdseite 5 Prozent.

Grosse Teile des Naturschutzwaldes sind genutzt

In solchen Naturschutzwäldern fällt der jährliche Holzzuwachs pro Hektare etwas geringer aus als im Durchschnitt aller Wälder: Obwohl die Naturschutzwälder 7 Prozent des Gesamtwaldes ausmachen, erzeugen sie nur 6 Prozent des gesamten Holzzuwachses. Vom Zuwachs auf der gesamten Waldfläche werden knapp Dreiviertel forstlich genutzt, vom Zuwachs in den Naturschutzwäldern knapp die Hälfte. 20 Prozent des Zuwachses auf der gesamten Waldfläche gehen durch absterbende Bäume allerdings wieder verloren. Abgestorbene Bäume können nur teilweise genutzt werden. Soll die Holznutzung den Zuwachs nicht übersteigen, so bleibt ausserhalb der Naturschutzwälder fast acht Mal so viel Holz ungenutzt wie in den Naturschutzwäldern. Auch wenn das gesetzte Ziel, dass 10 Prozent der gesamten Waldfläche Reservate sein sollen, erreicht würde, ginge dadurch nur wenig nutzbares Holz verloren. Denn Holz wird nicht in erster Linie deshalb nicht genutzt, weil es in Reservaten geschützt ist. Auch im übrigen Wald bleibt Holz ungenutzt, zum Beispiel aus wirtschaftlichen Gründen, etwa in Steillagen oder bei mangelnder Erschliessung. Allerdings sind Naturschutzwälder etwas häufiger schlecht erschlossen. Zudem machen besonders private Waldeigentümer von ihrem Recht Gebrauch, ihren Wald nicht zu nutzen.

Ungenutzter Wald dient oft nicht Naturschutz

Rund 17 Prozent aller Schweizer Wälder werden seit mehr als fünfzig Jahren nicht mehr genutzt. Auf den Jura entfallen davon 4 Prozent, auf das Mittelland 2 Prozent, auf die Voralpen 10 Prozent, auf die Alpen 25 Prozent und auf die Alpensüdseite 57 Prozent. Bei den Naturschutzwäldern beträgt der Anteil der seit mehr als fünfzig Jahren nicht mehr genutzen Wälder 27 Prozent. Umgekehrt sind von diesen seit langem nicht mehr bewirtschafteten Wäldern nur 11 Prozent Naturschutzwälder: Der grösste Teil dient laut Angaben der Revierförster vorrangig anderen Funktionen als dem Naturschutz.

Waldreservate auch in Tieflagen nötig

Sowohl unzugängliche als auch ungenutzte Wälder liegen zumeist im Gebirge. Schutz brauchen aber auch an Tieflagen gebundene Tiere, Pflanzen und andere Organismen – sei es in Form eines Bewirtschaftungsverzichts oder einer spezifischen Waldpflege, etwa für lichte Waldstrukturen. Wenn es also das Ziel der Waldreservatspolitik Schweiz ist, von allen Waldtypen langfristig naturnahe Vertreter zu sichern und die biologische Vielfalt zu fördern, reichen die seit fünfzig Jahren nicht mehr bewirtschafteten Wälder alleine nicht aus.

Wald ist nicht per se eine CO2-Senke
Der Motionstext geht auch auf die CO2-Bilanz des Rohstoffes Holz ein. Gemäss dem Kyoto-Protokoll schwankt die Kohlenstoffbilanz der Schweizer Wälder von Jahr zu Jahr stark. Einen Einfluss haben etwa Nutzungsmengen und vor allem grosse Schadenereignisse wie Stürme. Man kann sich daher nicht darauf verlassen, dass der Wald eine sichere CO2-Senke darstellt. Je nach Witterung, Nutzung und Mortalität ist er sogar eine CO2-Quelle.