Steigende Temperaturen und zunehmende Trockenheit setzen die Bäume unter Stress und verändern die Zusammensetzung der Wälder. Die Vegetationszonen verschieben sich um rund 500 Meter in die Höhe. Dies zeigt ein Forschungsprogramm der WSL und des Bundesamts für Umwelt. Es zielt zudem auf Empfehlungen ab, wie Waldbesitzer und Förster den Wald an den Klimawandel anpassen können.

Peter Brang, Leiter des Forschungsprogramms Wald und Klimawandel an der WSL. (Fotos: Kellenberger Kaminski Photographie)

Im November 2016 informierten die Verantwortlichen anlässlich einer Medienorientierung über die Ergebnisse des Forschungsprogramms. Auf einem Waldweg nahe der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) in Birmensdorf hatte sich die Gruppe von Geladenen eingefunden. Wie deutlich gerade dieser Weg die Gegenwart und Zukunft trennt, zeigte Peter Brang, Leiter des Forschungsprogramms Wald und Klimawandel an der WSL. Er deutete auf die Bäume links – vorwiegend Fichten, zwischen denen vereinzelt ein paar Tannen wachsen, ein typischer Nadelwald, wie er im Schweizer Mittelland häufig vorkommt. «In 100 Jahren wird ein derartiger Wald hier kaum mehr denkbar sein», erläutert Peter Brang, «denn die Fichte ist durch den Klimawandel stark gefährdet.» Fichten ertragen die Trockenheit schlecht und sind anfällig für den «Buchdrucker»,  einen Borkenkäfer, der sich bei höheren Temperaturen schneller entwickelt.

Seit Beginn der Industrialisierung beträgt die Erwärmung in der Schweiz bereits fast zwei Grad – doppelt so viel wie im weltweiten Durchschnitt. Weitere zwei Grad oder mehr werden laut den Klimaszenarien dazu kommen. Was der Klimawandel für den Wald bedeutet, untersuchten die WSL und das Bundesamt für Umwelt (BAFU) seit 2009 im Rahmen eines umfassenden Forschungsprogramms mit mehr als 40 Projekten. Rund 20 Millionen Franken kostete das Programm, an der unter anderen auch die ETH Zürich und das Paul Scherrer Institut (PSI) beteiligt waren.

«Auf der anderen Seite des Weges», bedeutete Peter Brang auf die rechte Seite, «sehen Sie einen Wald, wie er in Zukunft häufiger anzutreffen sein wird.» Traubeneichen stehen neben Hagebuchen und Kirschbäumen, dazwischen ein paar Schwarzföhren, die ursprünglich aus dem Mittelmeerraum und Südosteuropa stammen. Hier am Südhang ist es im Gegensatz zum Fichtenwald auf der Nordseite wärmer und trockener – ein Terrain, in dem Laubbäume dominieren.

Empfehlungen für die Praxis

Welche Baumarten an einem Standort gedeihen, hängt vor allem von der Wasserversorgung, der Ausrichtung zur Sonne und der Bodenmächtigkeit ab. Im Birmensdorfer Wald haben die Förster die Baumarten so gewählt, dass sie an die lokal unterschiedlichen Bedingungen gut angepasst sind. Doch der schnelle Klimawandel könnte sie schon bald überfordern, auch wenn der Fachmann meint: «Sie dürfen nicht erwarten, dass wir Katastrophen schildern.»

Mit Stöckchen hat Brang im Fichtenforst die kaum zwanzig Zentimeter hohen Bäumchen markiert, die den Wald verjüngen werden. Es sind viele Laubbaumarten dabei und auch Weisstannen, die hier bald besser gedeihen als Fichten – eine gute Ausgangslage für einen zukunftsfähigen Mischwald. Andernorts ist das aber nicht so. Denn Jungpflanzen sind auch Nahrung für Rehe und Hirsche, die nur die Fichten verschmähen. «Die Naturverjüngung ist deshalb keine Patentlösung», sagt der Wissenschaftler. Vielerorts wird es einen aufwändigen Schutz vor Wildverbiss brauchen, beispielsweise durch Einzäunung. Aber auch kostspielige Pflanzungen können als Ergänzung nötig werden.

Die Umsetzung in die Praxis ist ein zentrales Anliegen des Forschungsprogramms. Grundlagen für Anpassungsstrategien liefert ein Buch, das die Ergebnisse des Programms zusammenfasst. Nun werden im Rahmen von Waldtests an verschiedenen Standorten konkrete Empfehlungen zu Baumarten und Waldbewirtschaftung erarbeitet, zusammen mit den kantonalen Fachstellen sowie Waldbesitzer-, Holzwirtschafts- und Umweltverbänden. Damit soll auch ein Gesetzesartikel umgesetzt werden, den das Parlament im April 2016 ins das bestehende Waldgesetz aufgenommen hat, um zu garantieren, dass Vorkehrungen gegen den Klimawandel getroffen werden.

Der Wald als Multitalent

«Es geht letztlich darum, die Waldleistungen zu erhalten», sagt Peter Brang, während er einem Mountainbiker ausweicht, für den der Wald Erholungsraum ist wie für die Spaziergängerin, die die Gruppe zuvor überholt hat. Der Wald dient aber auch der Holzproduktion, ist Lebensraum für Pflanzen und Tiere, ermöglicht die Jagd und bietet Schutz. «Etwas weiter unten verläuft eine Strasse, dies ist also auch ein Schutzwald – ein Multitalent», sagt der Wissenschaftler.

Ein Drittel der Schweiz ist von Wald bedeckt, die Hälfte davon ist Schutzwald. Heftige Stürme oder Brände können diesen natürlichen Schutz vor Naturgefahren untergraben. So wird es nach einem Waldbrand im Hitzesommer 2003 oberhalb von Leuk trotz teurer Aufforstungen und Lawinenverbauungen noch Jahrzehnte dauern, bis die volle Schutzwirkung des Waldes wieder hergestellt ist. Solche Extremereignisse dürften aufgrund des Klimawandels in Zukunft häufiger auftreten.

Dabei ist es nicht die Lawinengefahr, die den Fachleuten am meisten Sorgen bereitet. Der Wald wird sich aufgrund des Klimawandels an Lagen ausbreiten und dichter werden, an denen es bisher zu kalt war. Dies kann den Lawinenschutz in höheren Lagen sogar verbessern. Doch flachgründige Rutschungen und Hochwasser dürften zunehmen und Schutzfunktionen gegen diese Naturgefahren langfristig an Bedeutung gewinnen. Dem Schutzwaldmanagement kommt deshalb besonders grosse Bedeutung zu.

Artenvielfalt senkt Risiko

«Generell raten wir zu einer Erhöhung der Baumartenvielfalt», fasst Peter Brang zusammen,  «so sinkt das Risiko, dass eine Waldfläche wegen Trockenheit oder Schädlingen plötzlich kahl wird.» Die Fachleute setzen dabei vor allem auf Baumarten, die in der Schweiz bereits heute vorkommen wie beispielsweise Buche, Eiche, Kirschbaum oder Weisstanne. Wird es im Schweizer Mittelland in den kommenden Jahrzehnten wie erwartet wärmer und trockener, so wird man den heutigen Wald künftig auf 1000 Meter Höhe wiederfinden. «In tieferen Lagen könnte es hier dann so aussehen wie derzeit ein Stück südlich von Genf», sagt der Waldexperte.

Sollen künftig vermehrt auch gebietsfremde Baumarten angepflanzt werden, die in einem wärmeren und trockeneren Klima besser gedeihen als etwa die heimische Fichte? Auch dieses umstrittene Thema wurde im Rahmen des Forschungsprogramms von der WSL und dem BAFU untersucht. Während Naturschutzorganisationen darin eine Gefahr für die Biodiversität sehen, kommen Peter Brang und seine Kollegen zu einem anderen, differenzierten Schluss: «Insgesamt haben Gastbaumarten ein gewisses Potenzial, um die standortheimischen Baumarten zu ergänzen.»

Damit ist vor allem die Douglasie gemeint, ein grosser Nadelbaum, der ursprünglich aus Nordamerika stammt. Noch ist die Fichte der «Brotbaum» der Holzwirtschaft, Laubbäume sind weniger lukrativ. Mit der Douglasie liesse sich Nadelholz weiterhin auch im Schweizer Mittelland produzieren, selbst wenn die Fichte nur noch in höheren Lagen vorkommt, wo die Holzproduktion bedeutend teurer ist. Allerdings empfehlen die Fachleute, Douglasien nur zurückhaltend als Beimischung einzusetzen.

Im Birmensdorfer Wald hat der Förster einige Schwarzföhren rot markiert. «Sie werden geschlagen, weil sie zu dicht stehen», erklärt Peter Brang. Künftig sollen die Waldbesitzer ihre Bäume für die Holzproduktion früher fällen als heute üblich; die Fachleute raten zu einer «Reduktion der Umtriebszeit». So lassen sich ökonomische Risiken durch den Klimawandel zwar vermindern, dennoch müssen die Forstbetriebe mit negativen wirtschaftlichen Folgen rechnen. Das zeigen die Ergebnisse des Forschungsprogramms deutlich. Es kommt aber auch zum Schluss: Nichthandeln ist am teuersten.