Alessio Figalli hat 2018 den wichtigsten Mathematik-Preis der Welt gewonnen: die Fields-Medaille. Diese hat ihn ins Rampenlicht gerückt und ihn zum Vorbild gemacht, insbesondere für den Nachwuchs: In seiner italienischen Heimat schnellten die Immatrikulationen für Mathematik in die Höhe.

Fields-Medaillen-Gewinner 2018: Alessio Figalli (Bilder: Basil Stücheli/ETH-Rat)

Und dann kommt Alessio Figalli zu seinem Büro im Hauptgebäude der ETH Zürich geeilt und entschuldigt sich auf italienisch-herzliche Weise für die zweiminütige Verspätung. Das Hemd frisch gebügelt, auf dem Schreibtisch ein paar Stapel Papiere, die er rasch zurechtrückt. Die Herbstsonne strahlt herein, er zieht die Jalousie und bedauert die Unordnung, die kaum der Rede wert ist – und man macht gleich einen Haken bei «mag die Dinge gern aufgeräumt». Sonst aber tut einem Figalli nicht den Gefallen, sich exzentrisch zu zeigen. Ein umgänglicher junger Mann, dem man auch seine Bankgeschäfte anvertrauen würde. Weiter weg vom Klischee des Mathematikers kann man eigentlich nicht sein. Und tatsächlich geht dieses Klischee Figalli gehörig auf die Nerven. «Warum glaubt man, dass Mathematiker immer ein wenig weltfremd oder schrullig sein müssen?» Die meisten passen nicht in dieses Bild. Er selber hat sich zunächst für ein humanistisches Gymnasium entschieden, inklusive Griechisch und Latein, bevor es ihn via Mathematik-Olympiade an die legendäre Scuola Normale Superiore in Pisa gezogen hat.

Alessio Figalli, Professor für Mathematik

Ein schönes Klischee bedient das Büro dann aber doch: die pittoreske Wandtafel, vollgekritzelt mit Formeln und Diagrammen. Ja, manchmal stelle er sich gerne dahin zum Arbeiten, das könne etwas Befreiendes haben, wenn man mit dem Schwamm alles wegwischen und seine Gedanken neu ordnen könne. Am besten arbeite er aber einfach mit Stift und Papier, sagt Figalli – und wenn immer möglich bleibe der Computer abgestellt. Er frage sich mitunter, ob der Rhythmus der heutigen Gesellschaft gesund sei und ob wir nicht besser ein paar Gänge herunterschalten sollten. Die Mathematik funktioniere nun einmal eher langsam. Jeder einzelne Gedankengang müsse genauestens geprüft und bewiesen werden. Das brauche seine Zeit.

Und wenn der Computer im Hintergrund ein wenig von dieser Arbeit übernehmen würde? Figalli zieht die Stirn in Falten. Die Aussicht, dass künstliche Intelligenz womöglich bald logische Schlüsse zu ziehen und zu verknüpfen lerne, findet er «beängstigend». Prinzipiell spreche nicht viel dagegen, dass maschinelle Systeme diese Fähigkeit erlangen könnten – dass sie aber auch entsprechend kreativ würden, kann (oder will) er sich doch nicht vorstellen. Und er verweist auf Schach, da sei doch aller Spass auf der Strecke geblieben, seit die besten Rechner jeden menschlichen Spieler locker besiegen.

«Mathematik ist überall. Eine Disziplin, um die Welt zu modellieren.»

Die Mathematik habe er der Logik und Ordnung wegen gewählt, weil sie «sauber» sei und es dabei nicht um eine Glaubenssache gehe. Bei der Wahl seines Forschungsfelds aber ging es um genau diesen «Spass», den komplexe mathematische Probleme böten. Die Fields-Medaille wurde ihm verliehen, weil er hat zeigen können, wie Fragen zum
optimalen Transport von Ressourcen mit der Geometrie des Raumes verknüpft sind. Die Resultate werden in den Wirtschaftswissenschaften, der Wahrscheinlichkeitsrechnung oder der Strömungsmechanik angewandt. Also hilft er doch bei der unaufhaltsamen Effizienzsteigerung, beim Immer-mehr, Immer-schneller? Nein, so mag er das nicht sehen, durch Effizienz könne man ja auch Zeit für anderes gewinnen. Grundsätzlich sei es aber schön zu wissen, dass das was man gefunden hat, auch von Nutzen ist: «Je näher an der Anwendung, desto besser.» Aber von der Anwendung leiten lassen würde er sich bei seiner Arbeit nicht. Die Mathematik stünde letztlich für sich. Figalli erwähnt die Fourier-Transformation, ohne die das Funktionieren heutiger Elektronik undenkbar wäre – auch Fourier ahnte das vorher nicht.

Eine Grundschwierigkeit zwischen mathematischer Grundlagenforschung und naturwissenschaftlicher Anwendung sieht er in der Kommunikation mit den Forschenden, seien es Physikerinnen oder Biologen: «Wir verstehen uns einfach nicht.» Da helfen Mediatoren, die mit beiden Gebieten vertraut sind – aber die Zugänge werden immer grundsätzlich verschieden bleiben: «Es gibt immer noch keine solide Theorie für das Phänomen, das Flugzeuge fliegen lässt, das ist mathematisch ein sehr schwieriges Feld.» Und bringt den Unterschied zwischen Mathematik und Physik schön auf den Punkt: Das Fehlen eines felsenfesten Beweises hält den Ingenieur natürlich nicht davon ab, solche fliegenden Kisten zu bauen. Und auch uns nicht, in sie einzusteigen.