Millionen von Menschen weltweit haben keinen Zugang zu sanitären Anlagen, die eine «saubere» Lösung bieten. Die Eawag forscht deshalb an technischen Möglichkeiten, Abwässer aufzubereiten und aus ihnen Ressourcen rückzugewinnen. Ein Hauptaugenmerk gilt dabei nachhaltigen Lösungen für den globalen Süden.

Fäkalschlamm zum Beispiel kann getrocknet und zu geruchsfreien Pellets gepresst werden, die sich verfeuern lassen wie Holzpellets. (Fotos: Basil Stücheli/ETH-Rat)

Man kann diese Geschichte auf zwei Arten erzählen. Da ist zunächst die Markt-Story: Was für eine Verschwendung! All das Wertvolle, das in menschlichen Ausscheidungen steckt, einfach die Kanalisation runter zu schicken. Aus den Augen, aus dem Sinn. Weggeworfenes, weggespültes Geld. Die Public-Health-Story klingt jedoch ganz anders: Siedlungen brauchen ein funktionierendes Abwassersystem, sonst sind hygienische Notstände vorprogrammiert. Die westlichen Länder haben sich mit der Zeit zentralisierte Kanalisationen zugelegt, die hierzulande funktionieren, aber auch einiges an Kosten verursachen. Für Städte im globalen Süden funktioniert dieser Ansatz nicht wirklich, die Anlagen fallen meist früher oder später aus und entsprechend investiertes Geld geht «down the drain». Dezentralisierte Systeme sind dort viel besser geeignet, um Abwässer lokal zu sammeln und zu behandeln. Doch die wichtigste Frage kommt danach: Was tun damit? Sicher nicht einfach in den nächsten Bach kippen, sondern aufbereiten und zum Beispiel verfeuern, das wäre die hygienischere Lösung.

Richtig interessant wird es, wenn man die beiden Geschichten zusammenbringt. Das ist das Ziel der Forschung von Linda Strande und Christoph Lüthi von der Eawag. Beide arbeiten in der Abteilung Siedlungshygiene und Wasser für Entwicklung (Sandec) und entwickeln Szenarien, um auch in Ländern des globalen Südens ein Abwassermanagement zu etablieren, das den Namen verdient. Die Gesundheit der Menschen steht dabei im Fokus, während die Ressourcenrückgewinnung und das «Management» als ökonomische Triebfeder fungieren. Bisherige Versuche, die Abwassersituation im globalen Süden zu verbessern, hätten die ökonomischen Aspekte weitgehend ignoriert, sagt Lüthi. Dabei sei dies das Entscheidende, wenn es um eine nachhaltige und finanziell tragbare Lösung geht. Weil das Abwassersystem nicht subventioniert sei – dafür fehlen schlicht und einfach die Mittel –, müsse man Lösungen suchen, die sich rechnen.

Linda Strande (li.) und Christoph Lüthi von der Abteilung Siedlungshygiene und Wasser für Entwicklung an der Eawag

Nach Jahren der Forschung haben die Spezialisten aus Dübendorf tatsächlich gleich eine Reihe ökonomisch überzeugender Lösungen zusammen: Aus Abwasser und Fäkalschlamm lassen sich Energie, Nährstoffe für Dünger und sogar Tiernahrung gewinnen. Die Nährstoffe kommen fast alle aus dem Urin. An der Eawag selber ist eine Hightech-Anlage in Betrieb, die den Urin in den Toiletten abtrennt und dann zu wertvollem Flüssigdünger aufbereitet. Seit kurzem sei es in der Schweiz sogar behördlich erlaubt, diesen Dünger für Speisepflanzen zu verwenden, berichten die Forschenden nicht ohne Stolz. Für Städte in Entwicklungsländern dürften sich allerdings weniger komplexe und dafür robustere Lösungen für Fäkalschlamm als viel interessanter erweisen. Das ist Strandes Spezialgebiet. Sie hat diverse Projekte zum Beispiel in Uganda begleitet, die die Praxistauglichkeit der Verfahren aufgezeigt haben. So kann Fäkalschlamm zum Beispiel getrocknet und zu geruchsfreien Pellets gepresst werden, die sich verfeuern lassen wie Holzpellets, womit auch gleich das Problem möglicher Krankheitserreger gelöst ist. Die ökonomischen Perspektiven seien hervorragend, sagt Strande, auch lokale Industrien haben grosses Interesse an den günstigen Pellets signalisiert, sofern sie in genügend grosser Menge produziert werden.

Der neueste Trick der Forschenden ist noch verblüffender: die direkte Verwandlung tierischer oder menschlicher Ausscheidungen in wertvolles Protein. Dafür nutzen sie die Larven der schwarzen Waffenfliege (Black Soldier Fly oder kurz BSF), die so ziemlich alle organischen Abfälle wegputzen, seien es Salatreste, Fleisch oder von uns bereits Verdautes. Wird dieser Nahrungsbrei richtig aufbereitet, bleibt nach dem Festmahl kaum etwas zurück, ausser dicken Larven, die zum Beispiel zu Futter für die eigenen Nutztiere oder in der Fischzucht verarbeitet werden können.

«Die ökonomischen Perspektiven von Pellets, die sich verfeuern lassen, sind hervorragend.» Linda Strande, Abteilung Siedlungshygiene und Wasser für Entwicklung an der Eawag

Das Potenzial ist riesig: Auf der einen Seite der wachsende Bedarf an solchen Futterstoffen, ökonomischen Pellets oder nährstoffreichem Dünger. Zum anderen die unschöne Realität für etwa ein Drittel der Weltbevölkerung: Nach wie vor erfolgt die Sanitärversorgung von rund 2,7 Milliarden Menschen dezentral ohne Kanalisation und geregelte Entsorgung. Lüthi betont noch einmal, dass nur auf einer Marktanalyse basierende Lösungsansätze eine Chance haben werden, um sich auch im grossen Massstab durchzusetzen. Er möchte keine weiteren «weissen Elefanten» sehen – lieber viele schwarze Waffenfliegen.