Jamie Paik ist eine untypische Roboterforscherin, und ebenso untypisch sind die Maschinen, die sie mit ihrem Team im Reconfigurable Robotics Lab der EPFL entwickelt. Wird hier eine Zukunft erprobt, in der Maschinen ein so intuitiver Teil unseres Alltags sind wie heute schon Smartphones?

Tribots. Foto: Basul Stücheli

Robotics – da denkt man an mechanische kleine Männchen oder an rotierende metallene Arme, aber bestimmt nicht an einen Rucksack mit zwei Druckflaschen, Schläuchen und Gestänge, verbunden mit wulstigen Paketen an Brust, Rücken und Flanken des Trägers — ein Exosuit. Dass Jamie Paiks Mitarbeiter sich die neuste Kreation gleich selbst auf den Rücken schnallt und austestet, passt eher ins Bild eines Labors, das für seine experimentellen Entwürfe bekannt ist. Was Paik und ihr Team im Reconfigurable Robotics Lab der EPFL machen, ist vielleicht so etwas wie die Kunstabteilung der Roboterforschung. Kein Wunder, Paik hatte sich ursprünglich überlegt, Kunst zu studieren. Aber dann zog es sie doch ins technische Feld. Dass sie keine Angst hat, «unkonventionelle Wege zu gehen», ist ihr aber geblieben.

Immer wieder schöpft sie ihre Inspiration aus ungewöhnlichen Quellen: Einer ihrer erfolgreichsten Entwürfe orientiert sich an den Odontomachusameisen, basiert aber auf den Funktionsweisen von Klappgelenken - ein wenig wie ein Origami. Die winzigen Roboter, Tribots, können miteinander kommunizieren, handeln und verschiedene Bewegungsabläufe erzeugen, indem sie sich falten. In Massen könnten diese kleinen Helfer potenziell bei Such- und Rettungsaktionen zum Einsatz kommen. «Difficult and rather cute», fanden manche Kollegen und auch die Industrie das anfänglich. Für Paik wie eine versteckte Beleidigung. Denn ihr ging es immer um sehr praktische Erwägungen, und das «Niedliche» zeigte in ihren Augen die Grenzen der herkömmlichen Robotik auf. Diese habe sich lange darauf versteift, immer leistungsfähigere, stärkere, akkurater operierende Maschinen zu bauen. Ohne Sinn für ihre Umwelt, stupide Befolger von Befehlsschemen, die dabei eine immer grössere Gefahr für alle Menschen wurden, die ihnen zu nahe kamen. Man kennt die Bilder aus der Autoindustrie: abgeschottete Fabrikationsstrassen, wo Roboter hinter Schranken und Türen mit der Aufschrift «Nur für befugtes Personal» ihre eintönige Arbeit verrichten.

Paik hatte von Anfang an eine ganz andere «kollaborative» Idee von Robotern. Und auch eine andere Definition: Ein Roboter ist für sie eine intelligente Maschine, die über Feedback-Funktionen verfügt. Die Intelligenz dieser Maschine kann sich auf ganz verschiedenen Ebenen äussern. Sie kann bereits in den Bewegungsmöglichkeiten angelegt sein und nicht nur in hochkomplexer künstlicher Intelligenz. Ein Jahrzehnt ist seit den Origami-Robotern vergangen, und langsam ändert sich die Einstellung der Wissenschaftsgemeinde und Industrie. Der Bedarf an neuer Intelligenz und Automatisierung in der verarbeitenden Industrie, für personalisierte Technologien oder in der medizinischen Versorgung hat das Feld geöffnet für andere Formen und Konzepte von Robotern: adaptive und interaktive Begleiter des Menschen.

Professor Jamie Paik

Die Roboterkünstlerin und Forscherin Jamie Paik nutzt mit ihrem Reconfigurable Robotics Lab die Möglichkeiten der «formfreien» Robotik. Foto: Basil Stücheli

Ein Beispiel ist der Soft-Exosuit, der dem Träger über weiche pneumatische Aktuatoren auf dem Oberkörper eine aktive Kraftrückmeldung gibt. Die Idee: den Körper in seinen Bewegungen zu unterstützen oder mit entsprechend starkem Gegendruck vor Fehlbewegungen zu schützen, zum Beispiel bei Bauarbeiten. Paiks Labor hat auch feinere Varianten dieser körpernahen Maschinen auf Lager, elastische Häute mit eingebetteten Druckpunkten, die Interaktion über den Tastsinn ermöglichen. Das könnte Virtual Reality (VR) endlich physisch erlebbar machen, Paik nennt es TR: Tangible Reality (spürbare Realität). Ob das noch Robotik im engeren Sinn ist? Die Frage interessiert Paik nicht wirklich, für sie ist der ideale Roboter sowieso unsichtbar, weil er sich so zwanglos in unser Leben einfügt, dass wir ihn gar nicht mehr wahrnehmen. Oberste Motivation für ihre Arbeit sei es, die Lebensqualität der Menschen zu verbessern, und zwar vorzugsweise derjenigen, die vielleicht nicht immer perfekt funktional seien. «Heutige Technologie ist nicht wirklich demokratisch», findet Paik. Damit sich das ändert, brauche es entsprechend divers zusammengesetzte Teams überall von der Konzeption über die Entwicklung bis zum finalen Design.

«Heutige Technologie ist nicht wirklich demokratisch. Damit sich das ändert, braucht es entsprechend divers zusammengesetzte Teams überall von der Konzeption über die Entwicklung bis zum finalen Design», findet Paik.

Eine gewisse Autonomie würde sie ihren Maschinen durchaus zugestehen, aber letztendlich müsse immer der Mensch über ihr Tun entscheiden. Bloss in einem Fall würde sie Maschinen autonom konzipieren: für die Eroberung des Weltalls. Das ist für sie die ultimative Herausforderung der Robotik. Und da gerät man zum Schluss des Gesprächs dann noch ein wenig ins Philosophieren. Im All weiss man nie so genau, was man antrifft. Anpassungsfähigkeit ist dort der entscheidende Überlebensfaktor. Hier auf der Erde sind wir Menschen den allermeisten künstlichen Systemen diesbezüglich haushoch überlegen. Aber liegt das nicht einfach daran, dass die Evolution uns gelehrt hat, uns in dieser Umwelt zu behaupten, dass unsere Intelligenz, sei sie geistig oder intuitiv körperlich, diese Umwelt widerspiegelt? Im All wären die Spiesse ziemlich gleich lang. Und adaptive Roboter, vielleicht sogar Schwärme von ihnen, könnten Aufgaben lösen, für die wir Menschen schlicht nicht gemacht sind. Irdisch optimiert wie wir nun einmal sind.