An der EPFL bauen Forschende in Zusammenarbeit mit italienischen Kollegen eine Zeitmaschine, dank der man ins historische Venedig eintauchen kann. Zu diesem Zweck hat das Team unter der Leitung von Frédéric Kaplan bereits zwei Millionen Dokumente und Bilder digitalisiert. Speziell entwickelte Suchmaschinen erwecken dieses digitale Erbe zum Leben.

Prof. Frédéric Kaplan, Leiter des Projekts «Venice Time Machine» (l.) und seine wissenschaftliche Mitarbeiterin Isabella di Lenardo. (Foto: Kellenberger Kaminski Photographie)

«Ich stand kürzlich in Venedig auf der Rialto-Brücke vor einem der Touristenshops und musste unwillkürlich daran denken, dass im Jahr 1740 genau hier Francesco Raspi in seiner Bottega Bekleidung verkaufte, wie noch Jahrzehnte später sein gleichnamiger Enkel», erzählt Frédéric Kaplan. «Die Tatsache, dass man durch die Stadt spazieren kann und mit dem Geist, dem Leben und den Leistungen eines Verstorbenen verbunden ist, beeindruckt tief.» Eine Erfahrung, die jedoch schon bald jeder machen könnte.

Frédéric Kaplan ist Professor für digitale Geisteswissenschaften an der EPFL und leitet das Projekt «Venice Time Machine». Dafür digitalisieren mehr als 20 Projektmitarbeitende historische Dokumente des Staatsarchivs von Venedig, der Fondazione Giorgio Cini und der städtischen Bibliotheken von Venedig. Allein das Staatsarchiv erstreckt sich über einen Zeitraum von 1000 Jahren und füllt Regale von 80 Kilometern Länge. Innerhalb von zwei Jahren konnte das Team bereits zwei Millionen Schriften, Karten und Bilder erfassen. Dabei verwendete es zum Teil einen eigens entwickelten Scanner mit einem drehbaren, zwei Meter breiten Tisch, der gleichzeitig mit mehreren Dokumenten im A3-Format gefüttert werden kann. Diese weltweit schnellste Maschine verarbeitet täglich bis zu 8000 Bilder. «Wir berühren hier dunkle Materie – Dokumente, die vor uns kaum jemand untersucht hat», sagt der Computerwissenschaftler.

Projektleiter Prof. Frédéric Kaplan und seine wissenschaftliche Mitarbeiterin Isabella di Lenardo. (Foto: Kellenberger Kaminski Photographie)

Suchmaschinen machen das digitalisierte, historische Material zugänglich. Ein System genannt «Replica» analysiert Bilder und findet beispielsweise Ansichten der Piazza San Marco, auch wenn sich der Blickwinkel geändert hat, oder erkennt Motive in unterschiedlichem Stil aber vom gleichen Genre. Frédéric Kaplan demonstriert, wie «Replica» in Sekundenschnelle alle Gemälde findet, auf denen ebenfalls der zuvor ausgewählte Teilausschnitt – zum Beispiel der Bub am Fuss der Madonna – abgebildet ist, und die Gemälde entsprechend dieser Informationen neu gruppiert. Möglich wird dies durch das sogenannte «Deep Learning» – eine Technik, welche die Datenverarbeitung in den letzten Jahren revolutioniert hat.

Historische Quellen verbinden

Eine zweite Suchmaschine namens «Linked Books» findet Verbindungen zwischen Archivdokumenten, Büchern oder Artikeln. Mit einem Roboterscanner, der die Buchseiten automatisch umblättert, digitalisierten die Forschenden 3000 Bände über Venedig. So sind alle bibliografischen Einträge, in denen ein Dokument zitiert wird, auffindbar oder umgekehrt alle zitierten Dokumente in einer Sekundärquelle. Nachdem Historikerinnen und Historiker diese Suchmaschinen getestet haben, werden sie 2018 allgemeinzugänglich gemacht.

Eine der schwierigsten Aufgaben ist die automatische Erkennung von alten Handschriften. Im Rahmen eines europäischen Projekts namens «READ» entwickelten die Forschenden ein Verfahren, das dank «Deep Learning» ganze Wörter erkennt. So werden Dokumente analysiert und die wesentlichen Merkmale – Informationen wie Namen und Orte – grafisch miteinander verbunden. Diese bilden den Kern eines sozialen Netzwerks, das sich mit Hilfe weiterer Dokumente fast beliebig vergrössern lässt – ein Facebook der Vergangenheit, mit dem sich das Leben von unzähligen Handwerkern, Handelsleuten oder Beamten rekonstruieren lässt.

«Es geht darum, die Geschichte in die digitale Welt zu holen», sagt Frédéric Kaplan.

«Unsere Zeitmaschine wird die Forschung verändern, indem sie den Zugang zu den historischen Quellen ermöglicht und demokratisiert», sagt Frédéric Kaplan. Gerade für sehr junge Menschen sei es besonders wichtig zu realisieren, dass es auch vor Google eine Welt gab. Doch es gibt auch kritische Stimmen, die vor einer Manipulation der digitalen Daten warnen oder befürchten, Kenntnisse über die Vorfahren könnten den eigenen Lebensweg negativ beeinflussen. «Das ist die grösste Herausforderung», so Frédéric Kaplan, «nämlich wie unsere Gesellschaft mit dieser Entwicklung umgeht.» Bereits sind ähnliche Projekte in Paris, Budapest und Jerusalem geplant. Und ein Konsortium, dem neben der EPFL weitere 15 Institutionen angehören, bewirbt sich bei der EU-Kommission um das nächste Flaggschiff-Programm für den Bau einer europäischen Zeitmaschine. «Es geht darum, die Geschichte in die digitale Welt zu holen», fasst der Erfinder der «Venice Time Machine» zusammen.